|Sehr geehrter Herr von Sosnosky,
ich danke Ihnen verbindlichst für die Übersendung Ihres Artikels über den Lieutenant Gustl. Das literarische Leben wäre wahrlich eine
angenehme und reinliche Sache, wenn man nur mit so vornehmen Gegnern zu thun hätte
wie Sie einer sind. Über die Novelle selbst wollen wir nicht mehr reden; hier ist eine Verständigung
unmöglich – denn Sie sind |Sie und ich bin ich. Hingegen muss ich, was Sie vielleicht
überraschen wird, den Ehrenrath, der mich schuldig gesprochen, in Schutz nehmen. In dem Urtheil heißt es klar und deutlich,
dass ich die Standesehre verletzt, indem ich durch meine Novelle das Ansehn und die Ehre der oesterreichisch-ungarischen Armee geschädigt und
herabgesetzt habe. Hätten die Herren gefunden, dass ich die Standesehre |dadurch
verletzt habe, dass ich nicht persönlich vor ihnen
erschienen bin, so hätten sie das selbstverständlich erwähnt, und es geht kaum an,
ihnen zuzumuthen, dass sie durch mein persönliches Erscheinen bestimmt worden wären,
ein andres Urtheil zu fällen als sie nach dem Studium meiner Novelle zu fällen für richtig hielten, da
ja diese Novelle nun einmal
geschrieben und veröffent|licht – und damit die
von der Anklage angenommene Verletzung der Standesehre begangen war. Dass ich mich entschuldigen würde, meine Novelle geschrieben zu haben, dürfte wohl
von keiner Seite voraus gesetzt werden, und hätte ich mich dazu verstanden, so wäre
meinem Empfinden nach darin – die einzige wirkliche Verletzung derjenigen Standesehre
gelegen, die ich überhaupt anerkenne: das zu sagen und zu thun, was man |für richtig
hält. – Was die zweite Anschuldigung anbelangt, ich hätte gegen die persönlichen
Angriffe der Reichswehr keine Schritte
unternommen, so theile ich Ihnen mit, dass ich von diesem Theil der Anklage erst –
aus dem Wortlaut des Urtheils Kenntnis erhielt. Was darüber zu sagen ist – mögen Sie
in Ihrem eignen Artikel
nachlesen. Ich brauche Sie wohl nicht zu versichern, dass die Kränkung, die mir durch
die Enuncia|tionen der feindlichen
Presse verursacht worden sind, etwa eben so tief gehen – wie die Freude,
die mir ein Theil der zustimmenden Preßkundgebungen bereitet hat. Ich
weiss in Hinsicht auf die Einen wie die andern, was ich von ihrer Sachlichkeit wie
Unpartheilichkeit zu halten habe. – Ihre Befürchtung, dass es jetzt am Ende Leute
geben könnte, die mir meinen Gruss nicht erwidern, |ist unbegründet; ich weiss ganz
gut, welchen Leuten ich die Ehre erweisen darf, sie zuerst zu grüßen. –
Nehmen Sie, verehrtester Herr von Sosnosky, nochmals meinen Dank und die
Versicherung meiner aufrichten Hochachtung entgegen
Ihr ergebener
Arthur Schnitzler
Ihr ergebener
Arthur Schnitzler
Wien, 10. 10. 901.