Lieber Arthur, ich war er
staunt noch aus
Velden einen Brief
zu beko
mmen, ich hab geglaubt, daß Sie
schon in
Ischl sind. D
r.Kapper sagte mir, daß Sie nach
Ischl berufen würden zu ihrer
Patientin, der alten
Dame
aus der
Praterstraße, die gefährlich erkrankt
sei. Seine
Frau hat es ihm
ge
schrieben, die es von Ihrem Cousin
Mandl
erfahren hatte. Es war al
so nicht
so
schli
mm oder
überhaupt nur Gerücht?
Es
scheint, daß Sie
sich in
Velden doch ziemlich behaglich gefühlt haben. Der Ort muß
sich wol
sehr zu
seinem
Vorteil verändert haben. Damals hat man
so
schlecht gege
ssen. Ge
stern hab ich
Hofmansthal’s ge
sprochen,
die
|mit ihrem Aufenthalt in
Marienbad sehr unzufrieden waren und
ihn vor der be
sti
mmten Zeit
fort
sind. Hier auf der
Ringstraße, der noch i
mmer meine Abend
spaziergänge gelten, i
st man wenig
stens
vor Enttäu
schungen
sicher. Der liebe, gute, alte Staub bleibt
sich dort i
mmer gleich. Auf einer die
ser So
mmerrei
sen habe ich auch D
rKapper getroffen, ge
stern auch
Ebermann und
Beraton. Oh, es
sind
schon noch Leute in
Wien,
sogar
Ihr
Hirschfeld. –
Übrigens bin ich auch einmal mit der neuen
Stadtbahn von
Karlsplatz nach
Hietzing gefahren und hab dabei an un
sere letzte
»grausige Fahrt« gedacht.
Auch für Abwechslung i
st ge
sorgt,
Max i
st
heute angeko
mmen (
sehr zufrieden)
Emil fährt übermorgen für 6 Wochen fort.
Was mich betrifft, so glaube ich nicht, daß ich die berühmte Fußpartie, |die wol zum großen Teil im Landauer
zurückgelegt werden dürfte, mitmachen werde. Wenn ich 4 Seiten mit den Gründen
anfüllen wollte, die mich davon abhalten, so würde das nicht viel nützen, da Sie
diese Gründe doch unzureichend finden würden; sie sind es vielleicht auch wirklich,
ich erspare sie also Ihnen und mir. Es wäre ja ganz leicht, ich könnte einfach sagen, daß ich gerade vom 6.
bis ausgerechnet 16. August von einem heftigen Arbeitsfieber befallen sein werde, das mir nicht gestattet u.s.w., aber das würden Sie mir nicht glauben; sagen wir also, es ist Stimmungssache. (Ich weiß, daß ich
eigentlich gar kein Recht habe, Stimmungen unterworfen zu sein, daß man dazu viel jünger sein und noch so und soviele andere Eigenschaften
haben muß, aber manchmals lebe ich halt auch über meine Verhältnisse.)
Im Vertrauen teile ich Ihnen mit, daß ich mich mit der kühnen Idee trage
|gar nicht fortzugehen, wenig
stens
nicht für längere Zeit, auf die Ge
sahr hin mich um allen Credit zu bringen und im
näch
sten Herb
st, we
nn das Ge
spräch mit den Leiden und
Freuden des So
mmers be
stritten wird, ganz
gesell
schaftsunfähig zu werden. Es fehlt mir die Lu
st und Energie mich der
Einförmigkeit, an die ich mich bereit
s gewöhnt habe, zu entreißen,
die ich da
nn nach einer kurzen Unterbrechung wieder
stärker empfinden würde, an die ich mich neu gewöhnen müßte. Vielleicht ko
mm ich aber doch auf zwei – drei Tage nach
Ischl; für die
se Auszeichung würde
sich aber
Ischl da
nn nur bei Ihnen zu bedanken haben. Kon
statiren
will ich auch noch, daß dies der läng
ste Brief i
st, den ich seit Jahren ge
schrieben
habe. Nun wün
sche ich Ihnen und Ihren
Reisegefährten, denen ich meine ergeben
sten Grüße zu melden bitte,
schönes
Wetter und viel Vergnügen.
Herzlichst
Gustav.