|29. 7. 99
Lieber Arthur, ich war erstaunt noch aus Velden einen Brief zu bekommen, ich hab geglaubt, daß Sie schon in Ischl sind. Dr.Kapper sagte mir, daß Sie nach Ischl berufen würden zu ihrer Patientin, der alten Dame
aus der Praterstraße, die gefährlich erkrankt sei. Seine Frau hat es ihm
geschrieben, die es von Ihrem Cousin Mandl
erfahren hatte. Es war also nicht so schlimm oder
überhaupt nur Gerücht?
Es scheint, daß Sie sich in Velden doch ziemlich behaglich gefühlt haben. Der Ort muß sich wol sehr zu seinem
Vorteil verändert haben. Damals hat man so schlecht gegessen. Gestern hab ich Hofmansthal’s gesprochen,
die |mit ihrem Aufenthalt in Marienbad sehr unzufrieden waren und vor der bestimmten Zeit
fort sind. Hier auf der Ringstraße, der noch immer meine Abendspaziergänge gelten, ist man wenigstens
vor Enttäuschungen sicher. Der liebe, gute, alte Staub bleibt sich dort immer gleich. Auf einer dieser Sommerreisen habe ich auch DrKapper getroffen, gestern auch Ebermann und Beraton. Oh, es sind schon noch Leute in Wien, sogar
Ihr Hirschfeld. –
Übrigens bin ich auch einmal mit der neuen Stadtbahn von Karlsplatz nach Hietzing gefahren und hab dabei an unsere letzte
»grausige Fahrt« gedacht.
Auch für Abwechslung ist gesorgt, Max ist
heute angekommen (sehr zufrieden) Emil fährt übermorgen für 6 Wochen fort.
Was mich betrifft, so glaube ich nicht, daß ich die berühmte Fußpartie, |die wol zum großen Teil im Landauer
zurückgelegt werden dürfte, mitmachen werde. Wenn ich 4 Seiten mit den Gründen
anfüllen wollte, die mich davon abhalten, so würde das nicht viel nützen, da Sie
diese Gründe doch unzureichend finden würden; sie sind es vielleicht auch wirklich,
ich erspare sie also Ihnen und mir. Es wäre ja ganz leicht, ich könnte einfach sagen, daß ich gerade vom 6.
bis ausgerechnet 16. August von einem heftigen Arbeitsfieber befallen sein werde, das mir nicht gestattet u.s.w., aber das würden Sie mir nicht glauben; sagen wir also, es ist Stimmungssache. (Ich weiß, daß ich
eigentlich gar kein Recht habe, Stimmungen unterworfen zu sein, daß man dazu viel jünger sein und noch so und soviele andere Eigenschaften
haben muß, aber manchmals lebe ich halt auch über meine Verhältnisse.)
Im Vertrauen teile ich Ihnen mit, daß ich mich mit der kühnen Idee trage |gar nicht fortzugehen, wenigstens
nicht für längere Zeit, auf die Gesahr hin mich um allen Credit zu bringen und im
nächsten Herbst, wenn das Gespräch mit den Leiden und
Freuden des Sommers bestritten wird, ganz
gesellschaftsunfähig zu werden. Es fehlt mir die Lust und Energie mich der
Einförmigkeit, an die ich mich bereits gewöhnt habe, zu entreißen,
die ich dann nach einer kurzen Unterbrechung wieder stärker empfinden würde, an die ich mich neu gewöhnen müßte. Vielleicht komm ich aber doch auf zwei – drei Tage nach Ischl; für diese Auszeichung würde sich aber Ischl dann nur bei Ihnen zu bedanken haben. Konstatiren
will ich auch noch, daß dies der längste Brief ist, den ich seit Jahren geschrieben
habe. Nun wünsche ich Ihnen und Ihren Reisegefährten, denen ich meine ergebensten Grüße zu melden bitte, schönes
Wetter und viel Vergnügen.
Herzlichst
Gustav.
Gustav.
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