|Wien, 27 IV. 1902.

Sehr geehrter Herr!

Haben Sie sich auch schon die Frage vorgelegt, ob man einem Augenblicksimpuls folgen soll oder nicht? Mir scheint man soll’s and namentlich dann, wenn dabei nichts Schlimmes herauskommen kann. Dass Ihre »lebendigen Stunden«, die ich in Berlin sah, stark auf mich gewirkt haben, würde mich an sich noch nicht bestimmen, an Sie zu schreiben. Aber wir haben einen gemeinsamen Bekannten in Berlin, Maximilian Harden; und er fragte mich neulich in einem Brief, ob ich Sie kenne. Und da that es mir plötzlich leid, dass ich Ihnen niemals noch begegnet bin, auch vereinsamt und zurückgezogen wie ich lebe, keine Aussicht habe, Ihnen zufällig zu begegnen. Ich weiss nicht einmal, ob Sie sich gegenwärtig in Wien aufhalten; ich lebe so gänzlich ausserhalb der literarischen Welt (Literaten sind mir im Allgemeinen unangenehm und Ihnen wohl auch), dass ich beinah von nichts und Niemanden etwas weiss. Doch Ihr ernstes Schaffen, dass so wohlthuend vom Treiben unserer Reklamehelden sich abhebt, in jeder Beziehung abhebt, flösst mir |auch für Ihre Persönlichkeit ein begreifliches Interesse ein. Es steht Ihnen ja selbstverständlich volkommen zu, diese Zeilen zu beachten oder zu ignoriren. Ich bin weder empfindlich noch verwöhnt. Aber dass ich Ihnen als Kollegin im Geist die Hand drücke and Ihnen für die schönen Stunden, die ich Ihren Werken verdanke, diesen Dank auch ausspreche, – Das darf ich doch, nicht wahr?
Mit aller Hochachtung
Emilie Mataja
(Emil Marriot.)
    Bildrechte © Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar