Haben Sie sich auch schon die Frage vorgelegt, ob man einem Augenblicksimpuls folgen
soll oder nicht? Mir scheint man soll’s and namentlich dann, wenn dabei nichts
Schlimmes herauskommen kann. Dass Ihre »
lebendigen Stunden«, die ich in
Berlin sah
, stark auf
mich gewirkt haben, würde mich an sich noch nicht bestimmen, an Sie zu schreiben.
Aber wir haben einen gemeinsamen Bekannten in
Berlin,
Maximilian Harden; und er
fragte mich neulich in einem Brief, ob ich Sie kenne. Und da that es mir plötzlich
leid, dass ich Ihnen niemals noch begegnet bin, auch vereinsamt und zurückgezogen
wie
ich lebe, keine Aussicht habe, Ihnen zufällig zu begegnen. Ich weiss nicht einmal,
ob
Sie sich gegenwärtig in
Wien aufhalten; ich lebe
so gänzlich ausserhalb der literarischen Welt (Literaten sind mir im Allgemeinen
unangenehm und Ihnen wohl auch), dass ich beinah von nichts und Niemanden etwas
weiss. Doch
Ihr ernstes Schaffen, dass so wohlthuend
vom Treiben unserer Reklamehelden sich abhebt, in jeder Beziehung abhebt, flösst mir
|auch für Ihre Persönlichkeit ein begreifliches
Interesse ein. Es steht Ihnen ja selbstverständlich volkommen zu, diese Zeilen zu
beachten oder zu ignoriren. Ich bin weder empfindlich noch verwöhnt. Aber dass ich
Ihnen als Kollegin im Geist die Hand drücke and Ihnen für die schönen Stunden, die
ich Ihren Werken verdanke, diesen Dank auch ausspreche, – Das darf ich doch, nicht
wahr?