Lieber Dr. Schnitzler!
Soeben empfange ich Ihren Brief und beeile mich, ihn zu beantworten. Seien Sie jetzt
nur nicht so boshaft, diese Schnelligkeit allein meiner Langeweile
zuzuschreiben! –
Allerdings setze ich jetzt mehr Vertrauen in Meran und seine Heilkraft und zwar weil ich ich letztere an meinem eigenen
Leichnam verspürt habe; denn entschieden geht es mir
schon etwas, wenn auch noch nicht viel, besser. Ich fühle
mich im Kopf wohler, und meine Füsse schmerzen mich nicht mehr so sehr. Die beiden
letzten Tage habe ich sogar einen kleinen Spaziergang, ohne Rollwagen, versucht; und
heute will ich es unternehmen, wenigstens nach Meran hinunter zu gehen.
Freilich pflege ich mich auch genügend. Ich ruhe sehr viel, und im Essen bilde ich
mich zum Wettesser aus. Ein hiesiger Arzt pflegt zu derartigen Kranken zu sagen
»Essen Sie so, dass man Sie im ganzen Hotel nur den ›Fresser‹ nennt«, und an diese Weisung halte ich mich auch, obwol es
nicht mein Arzt ist. Mit dem Wein ist die Sache etwas unangenehm. |Der leichte rote Tyroler, den ich zu trinken pflege,
ist sehr taninhaltig und
bereitet mir Unterleibsbeschwerden. Weisswein soll ich nicht trinken, und die anderen
Rotweine sind furchtbar teuer. Ich habe mir jetzt so geholfen, dass ich mittags roten
nehme, in den Ihre Medizin kommt, abends weisser: das
reine Gewebe der Penelope. – Dreimal täglich nehme ich jetzt auch Gude’s Mangan-Eisen-Pepton-Essenz. Wollen Sie sich, bitte, darnach
erkundigen, und mir schreiben, was man davon hält. Da sie nämlich in der hiesigen
Apotheke nicht vorrätig war und erst aus Leipzig
verschrieben werden musste, sowie aus anderen Gründen glaube ich, dass sie ein ganz
neues Mittel ist und ich dem Dr Schreiber als
Versuchskanichen diene. Es würde mich interessieren, etwas zu erfahren.
Das Wetter ist nicht andauernd schön: einen Tag hat es geregnet; und am folgenden
Morgen lag sogar etwas Schnee, aber schon mittags nahm ihn die Sonne hinweg. Jetzt ist’s wieder; aber heizen muss ich mir
doch noch morgens und abends lassen. Natürlich trage ich Winterkleider und gehe nie
ohne Mantel aus.
Meine Gelder sind riesig zusammengeschmolzen. Unter den
Wiener Auslagen, die ich Ihnen angab, vergass
|ich noch die Rechnung meiner Wirtin, die auch gegen 10 fl betrug. So kam
ich mit 38 fl hier an. Davon habe ich in die Apotheke fl 7.40 und dem Badediener fl 4
(für 2 Wochen Baden und Frottieren) bezahlt; Sie können
Sich denken, wie ich finanziell stehe. Auch habe ich in der ersten Woche, bei meiner
Unbekanntschaft mit hiesigen Verhältnissen, im Hotel
eine ziemlich grosse Rechnung gemacht, so dass ich auf Eingang von Gelbers und Steinbachs Sammlung mit Sicherheit rechnen muss:
sonst bin ich verloren. Beide sind übrigens bereits moniert. –
Bitte, richten Sie allen lieben Bekannten herzliche
Grüsse aus: Beer-Hofmann, Loris, Salten, Engländer und wenn Sie sonst noch jemanden treffen, und sagen Sie ihnen,
es möge mir der eine oder andere auch einmal schreiben. Ich schreibe ihnen nicht,
weil ich annehme, dass meine Briefe an Sie ihnen mitgeteilt werden. Für Ihre Wünsche
zu meiner Genesung dankend, verbleibe ich
Ihr
dankbar ergebener
Fels
dankbar ergebener
Fels
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