Hochverehrter Herr Doktor!
Wenn ich es unternehme, Ihnen für die Übersendung Ihres Buches der Sprüche und Bedenken meinen Dank zu sagen, so verführt
mich die alteingefleischte Gewohnheit meines Berufes, dem nicht leicht etwas ohne
Begründung entschlüpft, dazu, meinen Dank nicht etwa bloß zu äußern, sondern auch zu
begründen. Will ich aber Sätze einer Begründung formen, so ist es mir, als müßte ich
einen unübersehbaren Tatbestand in wenige Worte zusammenfassen und leichthin
erledigen. Ein Einzelbild mag man nach einmaliger längerer Betrachtung |kühn beurteilen; um aber zu einer
Bildersammlung, die viele Säle füllt, klare Stellung zu nehmen, bedarf’s wiederholter
Begehung und vergleichenden Hin- und Herwandelns. Und Ihr Buch ist eine in klarer
Systematik zusammengefaßte Aneinanderreihung der wesentlichen Ergebnisse eines langen
und reichen Dichterlebens, dem nichts Menschenerhebliches fremd blieb, der Abriß
Ihrer Lebensphilosophie, und zwischen den Abschnitten Ihrer Aphorismen eröffnen sich
Ausblicke, verlockend zu verbindender Gedankenarbeit. Wenn der Aphorismus, der in
der
Literatur das ist, was die Bleistiftskizze in der bildenden Kunst, die redlichste Art
des Schrifttums ist, weil er entgegen allen andern Arten, vom lyrischen Gedicht bis
zum philosophischen Wälzer, keiner Lüge und keiner Maske Raum gibt, |da sich alles posieren läßt, Gefühl wie Erlebnis, Gründlichkeit wie Gewalt, nur
nicht der Gedanke selbst und seine Form, und nirgends wie bei ihm jeder kleine Satz
den ganzen Autor zeigt: wie verehrungs- und liebenswürdig erscheint der Autor dieser
Sprüche und Aphorismen, wie lebt seine uns aus unserer Jugend schon vertraute
Erscheinung in jedem dieser klaren Worte! Welche Erlebtheit, welche Liebe zur
Wahrheit und zur Form, welche Herrschaft des Geistes und über alles Geistige spricht
aus jedem Spruch!
Ich muß mich mit dieser Begründung bescheiden und mit einer Wiederholung meines
Dankes, der mir Gelegenheit gibt, Ihnen, hochverehrter Herr Doktor, zur Jahreswende
alles Freudige zu wünschen!
Mit den besten Empfehlungen und |dem
Ausdruck meiner tiefen Ergebenheit
Ihr
DrRAdam
DrRAdam
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