|Pension Telephon 51151
Verehrter Herr Doctor!
Man sagt mir, dass Sie in den nächsten Wochen hierher nach
München kommen werden, zur
Aufführung des »
einsamen Weg« in den
Kammerspielen. Dadurch sehe ich mich in die Nothwendigkeit versetzt, nach
geraumer Zeit wieder einmal ein Schreiben an Sie, verehrter Herr Doctor, zu richten –
warum, werden Sie sofort einsehen.
Mit der vor Kurzem erfolgten, endlichen
Auflösung meiner
Ehe ist für mich jeder innere und äußere Grund
fortgefallen, der mich verhindern
|konnte, wieder als
Bühnenschriftstellerin in der Öffentlichkeit zu erscheinen. Daher habe ich auf
Anrathen eines kleinen, wie mir scheint, recht urtheilsfähigen Freundeskreises, ein
dreiactiges Schauspiel »
das erste Capitel« den
Münchner Kammerspielen eingereicht. Diese
Arbeit, noch aus meiner
Mädchenzeit stammend, ist fast die einzige meiner literarischen Jugendsünden, die
begangen zu haben ich nicht bereue, und die meinem, seit vierzehn Jahren einigermaßen
gereiften Urtheil heute noch wertvoll erscheint. Sie selbst, verehrter Herr Doctor,
haben sie, wie alle meine Arbeiten
unmittelbar nach der Entstehung
gelesen,
und in einem, in meinem Besitz befindlichen
Briefe an mich
|zu meinem größten Stolz als »unendlich fein« gelobt. –
Das erste Cap. ist nun in einer leichten
Überarbeitung – die nichts geschädigt hat, was an dem
Stück lobenswert war – Herrn Dir.
Ziegel zugesandt worden und ich bitte Sie
nicht um Ihre Fürsprache, sondern ich fühle mich
verpflichtet, Ihnen mitzutheilen, dass ich in dem
Begleitbrief
an Herrn
Ziegel
folgenden Passus schrieb: »
Arthur Schnitzler,
der die
Arbeit in einer
früheren Form kannte, bezeichnete sie mir als ›unendlich fein
‹«. – –
Ich musste – verschollen, wie ich als Schriftstellerin bin –, einen Eideshelfer von
Gewicht zu Hilfe rufen, damit man über das literarische Niveau des unbekannten
Einsenders einigermaßen im Klaren sei. –
Es ist daher sehr leicht möglich, dass Herr Dir.
Ziegel sich an Sie, verehrter Herr Doctor, mit einer dies
|bezüglichen Frage wendet, wenn Sie hier sind. Um Ihnen
nun die Verlegenheit zu ersparen, wenn Sie sich, wie leicht denkbar, nicht mehr an
das »
erste Cap.« und Ihr damaliges Urtheil
erinnern, eine Verlegenheit, aus der für mich eine peinliche, folgenschwere Blamage
entstehen könnte, erlaube ich mir diesen Brief an Sie.
Ihr damaliges Urtheil war für mich von entscheidender Bedeutung, was nicht hindert,
dass Autor u.
Stück Ihrem
Gedächtnis gänzlich entschwunden sein könnten.
Ich hoffe, Sie sind nicht böse, dass ich mich ohne Ihr Vorwissen unter Ihren Schutz
stellte, und dass ich Sie hiermit vielmals bitte, mich gegebenenfalls nicht zu
desavouiren.
Indem ich Sie bitte, Ihrer Frau
Gemahlin meinen verbindlichsten Gruß zu übermitteln
mit
vorzüglicher Hochachtung
Elsa Ginsberg-Plessner.