Hochverehrter Herr Doctor!
Nach vierzehn Jahren geschieht es mir
heute zum erstenmale wieder, dass
ich Ihnen eine
neue
Arbeit
vorzulegen habe, wirklich die erste und einzige seit ganzen vierzehn Jahren, während
deren ich auch nicht eine Zeile geschrieben habe – – Briefe ausgenommen. – Ich habe
in dieser Zeit nur ein bisschen gelebt und viel gesungen und nicht einmal mehr den
Wunsch gefühlt, etwas niederzuschreiben. – Sie werden mich durchaus verändert finden
und nur Ihr feines Gefühl wird die Linie nachziehen können, die vom »
ersten Capitel« zu »
Musik« führte. Diese
Arbeit ist die Summe
dessen, was ich leisten kann und zu sagen habe –
bis heute, und musste geschrieben werden. Diesmal wirklich das berühmte »Muss«. –
Daher weiß ich auch mit merkwürdiger Bestimmtheit, dass die
Arbeit nicht vergebens war. Sowas fühlt
man entweder – oder man fühlt es nicht. Sollte ich mich darüber dennoch täuschen,
so
ist für mich kein Verlass mehr auf irgend etwas in der Welt. –
Zu dem
Stück selbst habe ich
zu bemerken, dass es mir damit seltsam ergangen ist. Zu Anfang stand ich auf festem
Boden – beinahe etwas zu viel »
terre a terre
«. In
der Hälften des zweiten Actes begann sich aber mit der Situation und Stimmung
unwillkürlich der Ton des Ganzen zu verändern und zu heben – – und ich konnte mit
der
größten Mühe kaum den Vers zurückdrängen, der sich mir aufzwingen wollte. Ich sah
mich plötzlich mitten in der Arbeit ganz unvermuthet vor ein Stilproblem gestellt,
auf das ich nicht im Geringsten vorbereitet war – was gewiss die Anschauung
bestätigt, dass
|Frauenarbeit letzten Endes doch immer
Improvisation bleibt – mag Sie vorher noch so gründlich durchdacht worden sein. – –
Ich war gezwungen auf einer Linie weiterzugehen, die etwa die Resultirende zwischen
Conversationsstück und Stildrama sein dürfte, und konnte mich dabei nur auf meinen
Instinct verlassen. Daraus ist theilweise eine merkwürdige, hauptsächlich auf
Rhythmus gestellte, Diction entstanden, auf Grund von mir allein fühlbaren
↓musikalischen↓ Gesetzen – und außerdem sehr beschränkt in der
Wahl der Worte. Denn kein einziges Wort durfte mir unterlaufen, das in unserer
Umgangssprache nicht gebräuchlich wäre. Sogar Arzt und Diener mussten sich in dieser
Form ausdrücken können. Ich glaube, diese Diction ist neu – und ich hoffe, dass sie
auch geglückt ist. – Sie werden ein
Motiv in der
Arbeit finden,
das Sie selbst in der
Stunde des Erkennens gestreift haben. Ich weiß, es ist unnötig,
Ihnen zu versichern, dass ich mich nicht an Ihrem Eigenthum vergriffen habe, denn
die
Grundlagen meiner
Arbeit
stehen schon lange fest. Auch glaube ich, dass Sie, verehrter Herr Doctor, der ein
wenig von meinem Leben weiß, sich selbst sagen können, auf welchem Wege auch ich zu
diesem Motiv gelangen konnte. – – – –
Das ganze
Stück handelt von
Musik – hörbarer und blos fühlbarer, und ist in Aufbau, Melodik und Klangfarbe
irgendwie nach den Gesetzen der Musik entstanden. Die harte unbarmherzige Lösung hat
mich selbst furchtbar erschreckt, als sie mir zuerst aufging. Später wusste ich, dass
sie die einzig folgerichtige und gerechte sei. Die Sünde gegen den heiligen Geist
ist
die unverzeihliche. –
Mehr will ich Ihnen für heute nicht sagen. Sie werden mich ohnedies schon für
übergeschnappt halten – oder für bodenlos unverschämt. Ich hoffe nicht, dass ich das
bin.
|Was ich aber bin, verehrter Herr Doctor, brauche
ich Ihnen nicht erst zu sagen – – – maßlos gespannt, Ihre Meinung über meine
Arbeit zu erfahren, die ich
von Ihnen mit Rechte einer alten Gewohnheit schlankweg erwarte. Frech, nicht
wahr? – –
Wenn Sie noch so gütig sind, wie vor vierzehn Jahren – und ich habe keinen Grund,
daran zu zweifeln – – so werden Sie mich nur so lange darauf warten lassen, als
unbedingt nöthig ist. Schließlich noch die kleine Bemerkung, dass Sie, wie vor langer
Zeit, auch jetzt wieder der Erste sind, dem meine neue
Arbeit vorliegt. Jung gewohnt – alt
gethan. Das »alt« bitte
cum grano salis
. –
Wollen Sie mich Ihrer Frau
Gemahlin bestens empfehlen und selber von mir die Versicherung dankbarster
Verehrung entgegennehmen.
Else Ginsberg-Plessner.
P. S. Der Gegenstand meines
letzten
Briefes
hat sich von selbst
erledigt, da Sie nicht nach
München kamen.
Ich hoffe, dass dies die alleinige Ursache davon war, dass mein Brief – falls Sie
ihn
überhaupt erhalten haben – unbeantwortet geblieben ist. – Oder waren Sie gar bös
auf mich? – – –