|Dr. Arthur Schnitzler
|Herrn Romain Rolland

|Dr. Arthur Schnitzler 14. 12. 1914.

Verehrter Herr Rolland.

Sie wollen also wirklich, wie mir Stefan Zweig sagt, die grosse Freundlichkeit haben meine Erklärung ins Französische zu übersetzen und wünschen überdies, zum Zweck der Veröffentlichung in einer deutschen Schweizer Zeitung, ein zweites Exemplar, das ich Ihnen hiemit gerne und mit vielem Dank für Ihre besondere Liebenswürdigkeit zusende. Auch mir ist bisher nicht bekannt geworden, dass jener russische Artikel den Weg nach anderen Ländern gefunden hätte. Die Existenz jenes Artikels oder erdichteten Interviews – ich weiss bis heute nicht, was es war – steht dennoch zweifellos fest und die russischen Freunde, die mich auf einem komplizierten Umweg davon unterrichtet haben, liessen mir überdies mitteilen, dass Versuche, in ihren Kreisen die vollkommene Unmöglichkeit einer |Authentizität jener mir zugeschriebenen Aeusserungen aus meinem bisher unbescholtenen literarischen Lebenswandel zu beweisen, an der allgemeinen Verbitterung und Verhetzung gescheitert sind. Wie schon in meiner Erklärung steht, ist es mir bisher nicht gelungen mir den Wortlaut jener gefälschten Aeusserungen zugänglich zu machen, der Sinn meiner Auslassungen sollte nach jenem Blatt ungefähr der folgende gewesen sein: dass ich Tolstoi als einen alten Faselhans bezeichne, von Maeterlinck behaupte, dass er seine Bauern schinde, von Anatole France, dass er mich irgendwie bestohlen habe, und dass ich endlich die Behauptung aufstellte, Hauptmann sei ein viel grösserer Dichter als Shakespeare. Aus Russland kam auch das dringende Ersuchen an mich gegen diese Verleumdungen etwas zu unternehmen.
Dass eine so thörichte Geschichte mir den ersten Anlass geben würde eine persönliche |Verbindung mit Ihnen anzuknüpfen hätten wir uns wohl Beide nicht träumen lassen. Aber da es sich nun einmal so fügt, will ich diese Gelegenheit gerne benützen, um Ihnen zu sagen, wie sehr ich Sie verehre und mit welchem Vergnügen, mit welcher wachsenden Freude ich Ihren wunderschönen »Jean Christophe« gelesen habe. Lassen Sie mich hoffen, dass eine Beziehung, die wenigstens von mir zu Ihnen innerlich längst bestanden, so seltsam sie auch in ihrem äusseren Umriss anheben mag, in jenen besseren Zeiten, die wir alle ersehnen, und vielleicht auch noch früher, einen glücklichen Fortgang finde. Für heute aber seien Sie nur nochmals vielmals bedankt und herzlich gegrüsst von
Ihrem sehr ergebenen
[handschriftlich:] Arthur Schnitzler
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