|Wiesbaden, 29. 9. 99.
Wiener Café, 10 Uhr Abds
lieber Gustav, nun sitz ich hier, in Wiesbdn nicht im Wiener Café seit Sonntag. Gerade in Wiesbaden, wieso? Ich bin ins Rollen gekommen, von München aus. Dort habe ich, in den Tagen, wo die Brücken einstürzten, verabredetermaßen, M. E. getroffen; beide kamen wir grad an dem Tag an, bevor wir beide, ich von Ischl aus, sie von Partenkirchen aus von der übrigen Welt abgeschnitten gewesen wären. Er folgten einige recht hübscher Tage wollte ich pikant sein, so könnte ich hinzusetzen »und Nächte«. Aber ich will nicht pikant sein u auch nicht renommiren – alssagen wir »Abende«. Sie hatte überraschend viele lichte Momente. Manchmal allerdings war sie vollkommen irrsinnnig. Beispielsweise: ich fragte sie nach ihrem Alter. Etwas unsicher antwortete sie: 23. – Ich erinnerte mich |dass sie in Wien 26 war – und sagte ihrs. Sie darauf vollkommen ernst, »Ich weiss nicht so genau, – ich bin aber so 70, 72, 74 geboren, so um die Jahreszeit –« Ich: !!!!!
Sie; wieder ganz ernst. Ja, wir Schwestern sind alle ungefähr in den Jahren geboren. –
(Nicht stylisirt, bitte, absolut wörtlich, ich habs mir gleich extra für Sie in gemerkt)
– Nachdem ich in München incognito meine 3 Einakter (gar nicht übel) im Residtheater und das »Vermächtnis« noch incogniter auf der Gallerie Schauspielhaus (sah wenig u hörte nahezu nichts) genossen (ich möchte das Vermächtnis durchaus noch einmal schreiben, – es könnte ein sschönes Stück sein u. ist sscheußlich |(abgesehen von etc. etc.) – fuhren wir nach Nürnbergsie von dort nach Berlin (um zu ihren Blumenthal Kadelburg Proben einzutreffen) ich, schon in der Nähe (auf der Reise ist alles nah) nach Frankfurt, wo ich ein paar Tage mit Paul Goldm. verbrachte. Ich fand ihn im ganzen besser gestimmt als je (chercher la femme – d’un autre); er reist nach Florenz, ich, um einige Zeit ganz allein, in Ruh, zu arbeiten, hieher. Hier, im Park-hotel, angenehmes Zimmer, vortreffliches Essen, bin ich nun daran, den Schleier der Beatrice wieder einmal, und wieder nur »vorläufig« abzuschließen. Ich denk’ es so weit zu bringen, dass ichs dem Brahm in Berlin vorlesen kann. In der Anlage scheint’s mir |nicht ohne Kühnheit; aber in den wichtigen Momenten versagt – doch ich will Ihrem Urtheil, wenigstens dem tadelnden nicht vorgreifen. – Wie ich sonst die Zeit verbringe? Das Wetter war schlecht; heut erst konnt ich ein bischen radeln. In den ersten Morgen- und in manchen Abendstunden kommt eine drückende Traurigkeit über mich; und an gewisse Örtlichkeiten, Straßen, Plätze in Wien denk’ ich mit Angst; ja wie an etwas gespenstisches. Gelesen hab ich die Madame Bovary; jetzt Orme du Mail von France, frei, sehr frei, aber ein wenig langweilig. – Im Theater: gestern bei , neulich, neulich bei . Sehr schön, das Hoftheater.
|Nebstbei brauch ich eine Art Cur; trinke »Kochbrunnen«, was bekanntlich alle Leiden beseitigt. (Warum man nur an alle Curplätze immer wieder kommt?) – Ich habe die Absicht Dinstg von hier nach Berlin zu reisen, bleibe dort (vielleicht) 8 Tage, so dss ich um den 10. October herum nach Wien komme. Entschuldigen Sie: ich freu’ mich beinah nur auf Sie. – Polna regt mich selbst in dieser Entfernung auf; man spürt in Deutschland doch immer, dss Oesterreich das vertrottelste Land der Welt ist. Die letzte Nummer vom kleinen Kraus hab ich gesehen; ich sag  Ihnen, der Kerl ist und bleibt, wenn er auch viele gute Einfälle u in manchem Recht hat, nun niederträchtiger, nein, ein |modriger Kerl. – Dann diese Versammlg im Musikvereinssaal! So etwas ist möglich!!– Man merkt, ich bin lange von Wien fort. – Was sagen Sie (nun kommt das wichtigste) zu dem »Verschwinden« meiner 3 Einakter. – Ich habe Schlenther geschrieben, ob jenes Ansinnen wiederholt wurde? – Sehen Sie unsre Bekannten? Ich hör gar nichts von ihnen, von Wassermann, Salten; etc. – Hugo ist nach Venedig, Richard nach einem unbegreiflichenSt. Michael in Eppan gereist. –
Wenn Sie einmal eine überflüssige Viertelstunde haben (»Gott, hab ich denn andre?!«), sschaun Sie vielleicht zu meiner Mama hinauf. |Sie würde sich sehr freuen. – Und nun leben Sie wohl. Ein paar Worte ins Hotel Savoy, Berlin, wären mir, wie Sie sich denken können, mehr als willkommen.
Von Herzen Ihr
Arthur
»Wiener Café« - also lauter Juden und neben mir wird »geklabbert«. Der kleine Kraus und Gregorig stürben an Ekel. Was ich sehr erfreulich fände. –
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