Ihrem freundlichen Wunsch entsprechend habe ich das erste Couvert eröffnet und Ihren
Brief gelesen. Die darin enthaltene Entstehungsanalyse Ihres
Stücks hat mich so weit angeregt, dass ich
von meinem Prinzip abgehend mich an die
Lektüre herangewagt habe. Nachdem ich sie beendet kann ich
Ihnen meine Empfindung nicht verschweigen, dass Sie in der Ausführung um ein
Beträchtliches hinter Ihren Absichten zurückgeblieben sind. Was Ihnen als Stil
erscheint, stellt sich meines Erachtens eher als eine gewisse Kühle, ja in den
entscheidenden Momenten Dürftigkeit der Diktion dar und wo es auf das Wort ankäme
sehe ich nicht viel mehr (zuweilen) als Pantomine. Sie könnten mir vielleicht
antworten, dass gerade in den grossen entscheidenden Momenten des Daseins das Wort
notwendig versagt; aber wäre ich selbst
|geneigt eine solche
Entschuldigung auch im Drama gelten zu lassen, so müsste ich zumindest verlangen,
dass mir die Gestalt, der das dramatische Wort nicht gegeben ist, mir vorher
interessant und lebendig genug wurde, um mir auch noch in ihrem Schweigen oder in
der
Schwächlichkeit ihrer Ausdrucksweise interessant, lebendig – und verständlich zu
sein. Aber Ihre Gestalten auch
Reiter und
Jolanthe
sind recht blass geblieben. Es fehlt das charakteristische Detail, das geheimnisvoll
Atmosphärische, jenes Undefinierbare, das der erdichteten Figur innerhalb des
Kunstwerks Vergangenheit, Zukunft und damit erst die richtige Gegenwart verleiht.
Warum glaube ich nicht an die Liebe auf den ersten Blick zwischen
Jolanthe und
Reiter? Weil ich an sie selber nicht
glaube. Aber nehme ich selbst diese Tatsache, was mir ohne Liebestrank und ohne
musikalische Begleitung schwer genug fiele, als gegeben hin, so wehre ich mich
durchaus gegen alles, was folgt als theaterhaft
|und jeder
Wahrheit bar. Hier ist nicht nur äussere Unwahrscheinlichkeit, wogegen sich auch
schon genug einwenden liesse, hier ist ein Mangel an innerer Wahrheit, den durch die
Gesetze theatralischer Verkürzung, auch nicht durch den besonderen Stil, den Sie hier
vielleicht gefunden zu haben glauben, gerechtfertigt erscheint. Das ganze Gebahren
der
Jolanthe wäre durch
eine pathologische Disposition zu erklären; diese ist aber vorher weder angedeutet,
noch vorbereitet und so sehen wir uns der Willkür des Autors hilflos ausgeliefert,
was als eine Hauptquelle des ästhetischen Unbehagens gelten darf. All dem gegenüber
fallen die kleineren Peinlichkeiten kaum mehr ins Gewicht, die gewissermassen nur
aus
der ungenügenden Beherrschung des Stoffes entspringen und milder als scenische
Ungeschichlichkei- ten anzusprechen wären. Dass
Jolanthe am Ende durch ihren Selbstmordversuch erblindet,
wirkt keineswegs tragisch, sondern als ein unglück
|seliger
Zufall, wie sich ihn wohl de
r liebe Gott erlauben darf, aber niemals der dramatische Autor. Die
Musik in Ihrem
Stück vermag
ich nicht zu spüren. Ob der Fehler an Ihnen liegt oder an mir müssen wir
dahingestellt sein lassen; mir bleibt am Ende nichts übrig, auf die Gefahr des
Irrtums hin, als Ihnen von meinem rein persönlichen Eindruck zu berichten, der sich
vor allem auf das
Ganze Ihrer Arbeit bezieht. Wenn ich Ihnen zum Schluss noch sage, dass ich im Dialog
da und dort manche feine und kluge Bemerkung gefunden habe, und dass der technische
Aufbau Ihres dramatischen Gerüstes eine keineswegs ungeübte Hand, dass endlich die
Problemstellung als solche eine gewisse theatralische und sogar seelische Courage
verrät, so ist Ihnen nicht viel damit geholfen, aber ich möchte doch auch nicht, dass
Sie als Höflichkeitsphrasen nehmen, was geradeso ehrlich gemeint ist, wie das minder
Höfliche, was ich Ihnen im ersten Teil meines Briefes vorgebracht habe.