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Überlieferung

Versand  Empfang
Versand: 18. 12. [1894]
Goldmann, Paul
Paris
Empfang: [19. 12. 1894 – 23. 12. 1894?]
Schnitzler, Arthur
Wien
Textzeuge 1
Signatur D, Marbach am Neckar, Deutsches Literaturarchiv, A:Schnitzler, HS.NZ85.1.3164
Typ Brief
Beschreibung 2 Blätter, 8 Seiten, 4.273 Zeichen
Handschrift schwarze Tinte, deutsche Kurrentschrift
Zufügungen
Schnitzler mit Bleistift die Jahreszahl »94« vermerkt

Textqualität

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Zitieren

Empfohlene Zitierweise
Paul Goldmann an Arthur Schnitzler, 18. 12. [1894]. In: Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren. Digitale Edition. Herausgegeben von Martin Anton Müller mit Gerd Hermann Susen, Laura Untner und Selma Jahnke, https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L02628.html (Abfrage 18. 6. 2026)
Kurz-Identifier

Für gekürzte Zitate reicht die Angabe der Briefnummer aus, die eindeutig und persistent ist: »L02628«.

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Quelldaten

Die Quelldaten (TEI-XML) dieser Edition sind über Zenodo dauerhaft archiviert und zitierbar: DOI 10.5281/zenodo.20309129

Chronik

Dienstag, 18. 12. 1894

Aufenthaltsorte
Tagebuch
Wiener Schnitzler
Weiteres

Paul Goldmann an Arthur Schnitzler, 18. 12. [1894]

|18. December.

Mein lieber Freund,

Ich glaube, ich empfinde mehr Reue als Schmerz. Das ist ein furchtbares Gefühl. Das arme Mädel issymbolisch für meine versäumte Jugend. Ein Anderer hätte im stolzen Kraftbewußtsein sich mit dieser schönen Blume geschmückt und ihren Duft genossen. Ich habe schwächlich genörgelt und gezweifelt. Liebt sie mich? Lügt sie nicht? Das war nicht das Grübeln der Denker-Natur, sondern, wie gesagt, Schwäche, mangelnde Besitzergreifungs-Kraft. Es war in ihr zu Anfang gewiß eine kleine Flamme. Aber sie ist |rasch verlöscht, weil ich mich in meine Schale zurückzog und nicht glauben wollte. Es hätten herrliche Tage werden können und Sonnenschein für ein ganzes Leben. Statt dessen wurde es nur, wie Alles in meinem Leben, ein versäumtes Glück, ein nicht zu Ende gelebtes Erlebniß. Seit Jahren plagt mich die Reue darüber. Und es isso eigenthümlich für meinen jetzigen Seelenzustand, daß mich auf einmal die Angst befällt, wo ich in die Dreißig komme, die Angst, daß ich meine Jugend nicht genossen, daß ich herrliche Gelegenheiten versäumt habe. Ich will also rasch nachholen. So denke ich seit vorigem Sommer daran, mich in den Ferien |mit dem Mädel zu treffen oder gar sie nach Paris kommen zu lassen, wo ihr Platz wäre. Ich will ihr schreiben und versäume es natürlich, wie ich Alles versäume. Nun kommt an einem grauen Morgen diese Nachricht. Das heißt für mich viel mehr, als Du ahnen kannst. Nicht blos ein armes liebes Ding ist todt, das mir Gutes gethan – sondern: »Die Jugend ist vorbei, unwiderruflich vorbei. Man lebt nicht wieder, was man einmal zu leben unterlassen.«
Ich habe merkwürdig oft an sie gedacht. Nicht etwa diese dumme romantische Geschichte von der hinterdrein kommenden Liebe. Aber es war die Überzeugung, daß sie ein selten köstliches Menschenkind gewesen |und daß ich sie hätte heut noch wenn auch vielleicht nicht lieben, so doch genießen können. Das ist übrigens bei mir das selbe. Ich kann nicht lieben, nur genießen. Ich bin seitdem stärker geworden; ich war für sie gereift; nun hätte ich sie mir holen mögen. Einer meiner Lieblings-Träume war: »Reich, und eine Reise nach Italien mit ihr.«
Ich habe ihre Briefe wieder gelesen und gierig nach Spuren von Falschheit, Pose, Hysterie gesucht. Das wäre Balsam gewesen für meine Reue. Ich glaube auch, daß sie mich nicht geliebt hat. Aber ich glaube auch, daß das meine Schuld war. Und neben den |schlimmen Spuren habe ich doch viel einsache Güte, Herzigkeit und Poesie gefunden. Ich glaube beinahe: sie ist die einzige Frau gewesen, die mich verstanden hat. Das nagt, das nagt. Oh ich blöder Thor!
Ich glaube auch, sie hat sich an mich anlehnen wollen, um das Künstlerische in ihr zur Entwickelung zu bringen. Ich habe sie weggestoßen. Nicht einmal geschrieben habe ich ihr. Und das Nicht-Schreiben war eine Heuchelei. Denn, wie gesagt, ich dachte viel an sie. Vielleicht, wenn sie mich um sich gewußt hätte, wäre sie nicht in den Wald |gegangen, sich erschießen. Ich hätte, ihr laut zurufen müssen, was ich all’ die Jahre dachte: »Kommen Sie nach Paris!« Ich glaube beinahe, ich habe eine Verantwortung daran, daß diese köstliche Menschenblume verkümmert ist. Meine einzige Genugthuung wäre, wenn ich wüßte, daß sie mich vergessen hat. Aber wie das erfahren?
Denk’ nur, dieser Tod. Wie stolz, wie heldenmüthig! Er sagt: »Sie war eine edle Frau. Du hast es nicht verstanden. Zu spät.«
Ich sehe mich mit ihr bei Dir, in Deinem lieben |Zimmer. Es ist unfaßbar, daß das Alles verloren ist. Schatten und Reue. Das »Zu spät« brennt wie Feuer auf dem Herzen.
Könntest Du nicht noch etwas über ihr Leben erfahren? Ich möchte hören, daß sie liederlich gewesen ist, daß sie banal geworden ist. Auch möchte ich wissen, warum sie gestorben ist. Liebe zum Vater? Ich glaube nicht. Sie hat einen kleinen dummen Lieutenaut zum Bräutigam gehabt und ihn sehr geliebt. Der mag ihr auf ihre »Unmoral« gekommen sein und sie weggestoßen |haben. Dann starb der Vater. Nun kam die unendliche Vereinsamung über sie, vielleicht auch die Noth. Darum hat sies gethan.
Wenn es einen gnädigen Gott gäbe, hätte ich an jenem Tage im Preßburger Walde sein müssen. Wie ich sie ins Leben zurückgetragen hätte auf meinen Armen!
Nun kommen mir die Thränen.
Siehst Du nun, wie verfehlt mein Leben ist?
Grüß’ Dich Gott, theurer Freund!
Dein
Paul Goldmann
    Bildrechte © Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar