(Gazette de Francfort). Paris, 5. Januar.
Fondateur M. L.
Sonnemann.
Journal politique, financier,
commercial et littéraire.
Paraissant trois fois par jour.
Bureau à Paris:
Mein lieber Freund,
Ich danke Dir von Herzen, daß Du meine Bitte so rasch erfüllt hast. Entschuldige nur
die großen Kosten, die
ich Dir verursacht; aber Du hast mir eine große Freude gemacht. Mittags
bekam ich es, in einer Stunde
war es gelesen, und am selben Tage sende ich es Dir
noch zurück.
Da ich sofort schreiben muß, bin ich meiner Eindrücke noch nicht ganz sicher. Der
erste Akt ist voll Anmuth,
voll Bewegung, er endet aufs |Packendste. Ich
glaube, er wird sehr gut gespielt werden müssen. Die zwanglose, natürliche
Fröhlichkeit stellt den Komödianten keine leichte Aufgabe. Auch möchte ich gleich
hier sagen, daß ich besonders diese einfache Sprache überall bewundert habe. Die Leute sprechen im Stück, wie im Leben. Welch’ eine Kunst da
drinsteckt! Im zweiten Akt –
und auch sonst – hätte ich gern, daß der alte Weiring etwas mehr hervorträte, als blos mit ein wenig Profil. Ich hätte ihn etwas ausführlicher
gewünscht, eine kleine Scene
rührender Vaterliebe zwischen ihm und dem Mädel hätte das Ende |noch um eine Nuance
tragischer gemacht. »Ich alter Mann habe nur noch
Dich.« Es gibt nichts mehr zum Weinen, als hilfloses, verlassenes Alter. Zudem bin
ich überzeugt, daß der Herr, der von
Censur-Schwierigkeiten sprach, gerade die Reden Weirings über Tugend
und Behütung von Glück gemeint hat. Das ist zwar eine Hauptsache, ein Grundgedanke
des Stückes. Das liegt aber
den Trotteln wenig auf. Niemals wird man im kaiserlichen Hoftheater so etwas sagen
lassen. Sonst ist die Scene
ergreifend. Die Abschiedsscene
hätte ich auch |noch um einen Grad kräftiger
gewünscht, mit etwas mehr Betonung darauf, daß es der Abschied ist. Auch sollte er einmal vom Sterben sprechen
und Angst zeigen. Sonst ist sie entzückend. Der Schluß mit der letzten Umarmung wird ungeheuer wirken. Einfach, aber so schön! Der dritte Akt ist der Höhepunkt; überhaupt ist das
Stück vorzüglich gebaut, es
wächst so allmälig ins große Dramatische hinein. Bewundert habe ich nebenbei die
Kunst, mit der Du all’ die technischen Schwierigkeiten für den dritten Akt bewältigt hast, von denen
Du in Ischl sprachst. Man kann sich keinen zwangloseren und natürlicheren |Vorgang denken. Besonders daß die Sache »übermorgen« spielt, ist zugleich
technisch fein und dramatisch wirksam. Nun möchte ich auf eine kleine Gefahr
aufmerksam machen: daß man nämlich den Theodor, wenn er nicht sehr geschickt
gespielt wird, im Publikum zuerst komisch nehmen kann. Er ist auch gar zu sehr
»mufle«. Insbesondere
möchte ich, daß er das von dem Fallen im Duell nicht gar zu trocken heraussagt. Ich
weiß wohl, was Du damit willst: mit |dem Mädel macht
man eben keine Umstände. Aber so ein roher Kerl ist der Theodor doch nicht. Er sollte wenigstens verlegen sein, zu umschreiben versuchen:
Unfall . . . . schwer verwundet . . . . und dann erst das Duell herausbringen. Die Tragik,
die dann mit elementarer Gewalt losprasselt, – die Reden des Mädels – das ist ein Meisterstück. Mich hats bereits
beim Lesen in der Kehle gewürgt. Auf dem Theater kann dem kein Mensch wiederstehen.
Herrlich und tief ergreifend! Der Schluß gefällt mir nicht. Ich möchte nicht, daß sie sich umbringt. Das ist
|gar nicht nöthig. Laß’ dem dummen Publikum
wenigstens den kleinen Trost, daß sie leben bleibt. Es kann viel erschütternder
enden. Sinkt dem Vater weinend an die Brust und der hebt schluchzend seinen
zitternden Arm und schreit zu Theodor, dem Repräsentanten der »Welt draußen«: »Ihr habt mir mein Mädel umgebracht.«
Oder so was. Aber kein Weglaufen. Man verhindert sie auch, ans Grab zu gehen, damit basta! Die Fenster-Hinausschreierei ist
verfehlt. Die Hauptperson muß
auf der Bühne bleiben. Und dann so unwahrscheinlich. |Er holt sie ja doch ein bis zum Kirchhof, braucht sich nur einen Fiaker zu nehmen, um ihr zuvorzukommen. Oder die Mizzi schreit aus dem Fenster den Passanten zu: »Haltets auf!« Das mußt Du ändern. Es ist ein Fehler, das Ende hinter die
Coulissen zu verlegen.
Im Ganzen: ein edles und reifes Werk. Ich beglückwünsche Dich dazu von ganzem Herzen. Ich kenne zur Zeit
Niemanden, der so etwas schreiben könnte, auch hier in Frankreich nicht. Es ist die Krönung Deines bisherigen Lebens und Schaffens,
|und wird es erst einmal aufgeführt, so wird die
Welt mit Erstaunen sehen, daß Du ein Dichter bist. . .
Gräulich ist, nochmals, der Titel. Wenn Du
einen hättest wählen wollen, der alle schlimmen Vorurtheile gegen das Stück erwecken sollte, so hättest Du keinen
bessern finden können. Du mußt es umtaufen. Kannst und willst Du es nicht »Eine Liebschaft« nennen – das
wäre das weitaus Beste – so |möchte ich Dir
vorschlagen: »Arme Liebe«.
Leicht kannst Du der Christine im dritten Akt noch zehn Worte in den Mund legen, die
diesen Titel erklären; oder noch besser der Vater soll es zum Schluß sagen: »Wein’ Dich aus, Kind. Wenn arme Leute lieben, so dürfen sie nichts beanspruchen, als
Thränen.« In der Größe seines Schmerzes wird der
Alte aphoristisch – ein einziges Mal. Das wäre umso wirksamer. Und denk’ Dir nur, was für eine |große
allgemeine Perspektive sich am Schluß durch diese Worte noch öffnen würde. Das wäre doch besser, als die
Fenster-Geschichten . . . . .
Vielen, vielen Dank, mein lieber Freund, für den großen Genuß, den Du mir verschafft
hast. Wie stehts nun mit der Aufführung? Schreib’ mir
bald und ausführlich.
Zwei Bitten: Erstens. Ich habe zum Neujahr ein schönes
Alt-Wiener Bild erhalten, von
Artaria, mit dem ich mich unbändig gefreut habe. Aber ohne |Begleitbrief. Ein so zartsinniges, von Herzen zu
Herzen gehendes Geschenk kann nur von Jemandem aus
Deinem Kreise herkommen. Sag’ mir, wer der Spender ist.
Viele treue Grüße!
Dein
Paul Goldmann.
Dein
Paul Goldmann.
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