Einstellungen

Ansicht
Faksimile
Bilder neben dem Text
Textkritik
Textkritische Zeichen
Langes-s (ſ)
Gemination m (m̅)
Gemination n (n̅)
Streichung
Hinzufügung
Markierung von Entitäten
Alle Markierungen
Personen
Werke
Orte
Institutionen
Ereignisse

Überlieferung

Versand  Empfang
Versand: 15. 8. 1917
Zweig, Stefan
Kalksburg
Empfang: [15. 8. 1917 – 18. 8. 1917?]
Schnitzler, Arthur
Wien
Textzeuge 1
Signatur GB, Cambridge, University Library, Schnitzler, B 118
Typ Brief
Beschreibung 2 Blätter, 6 Seiten, 4.718 Zeichen
Handschrift schwarze Tinte, lateinische Kurrentschrift
Zufügungen
Schnitzler 1) mit Bleistift »Zweig«
2) mit rotem Buntstift fünf Unterstreichungen
Veröffentlichung 1
Stefan Zweig: Briefwechsel mit Hermann Bahr, Sigmund Freud, Rainer Maria Rilke und Arthur Schnitzler. Herausgegeben von Jeffrey B. Berlin, Hans-Ulrich Lindken, Donald A. Prater. Frankfurt am Main: S. Fischer 1987, S. 403–405.

Textqualität

Diese Abschrift wurde noch nicht ausreichend mit dem Original abgeglichen. Sie sollte derzeit nicht – oder nur durch eigenen Abgleich mit dem Faksimile, falls vorliegend – als Zitatvorlage dienen.

Zitieren

Empfohlene Zitierweise
Stefan Zweig an Arthur Schnitzler, 15. 8. 1917. In: Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren. Digitale Edition. Herausgegeben von Martin Anton Müller mit Gerd Hermann Susen, Laura Untner und Selma Jahnke, https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L03661.html (Abfrage 18. 6. 2026)
Kurz-Identifier

Für gekürzte Zitate reicht die Angabe der Briefnummer aus, die eindeutig und persistent ist: »L03661«.

Wikipedia-Vorlage
{{Internetquelle |url=https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L03661.html |titel=Stefan Zweig an Arthur Schnitzler, 15. 8. 1917 |werk=Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren |hrsg=Martin Anton Müller mit Gerd-Hermann Susen, Laura Untner und Selma Jahnke |sprache=de |datum=1917-08-15 |abruf=2026-06-18 }}
Quelldaten

Die Quelldaten (TEI-XML) dieser Edition sind über Zenodo dauerhaft archiviert und zitierbar: DOI 10.5281/zenodo.20309129

Chronik

Mittwoch, 15. 8. 1917

Aufenthaltsorte
Tagebuch
Wiener Schnitzler
Schnitzler – S. Fischer
Weiteres

Stefan Zweig an Arthur Schnitzler, 15. 8. 1917

|Kalksburg bei Wien, 15. August 1917

Lieber verehrter Herr Doktor,

ein neues Buch von Ihnen ist so gute und erwünschte Gabe, dass, kaum es mir gestern zu Händen kam, ich es sofort an dem heutigen dienstfreien Tage gelesen habe und meinen Dank dafür mit ein paar (gewiss unzulänglichen) Worten an Ihre Wiener Adresse geben will, unkund ob es Sie hier oder in irgend einer Landschaft erreicht. Ich danke Ihnen aufrichtig: denn von Ihren Prosabüchern habe ich immer einen künstlerischen Gewinn über die rein menschliche Anteilnahme hinaus. Nur wer selbst vom Handwerk ist, kann diese ganz ins Unscheinbare verborgene Contrapunktik der Novelle würdigen, wie sie (besonders in der Figur der Schwester) scheinbar Wichtigstes vorausnimmt, |und zu erledigen scheint, innerlich aber doch tätig sein lässt, um in überraschender Verwandlung den Schwerpunkt dann immer wieder neu und neu zu verschieben, sodass wie ein Kreisel die Erzählung nie fällt, sondern in ständiger anreizender Schwebe bleibt. Diese Überraschungen, die aus allen Characteren hier vorbrechen und im tiefern Sinne doch wieder nicht überraschen, weil sie logisch sind, bilden für mich die Meisterhaftigkeit der Novelle: immer geht sie den Weg, den man nicht vermutet und immer in ein Ziel hinein. So wird auch der innerlich trockene und mir eigentlich wenig wichtige Mensch, als den ich Gräsler empfinde, ohne dass er eigentlich problematisch wäre, ungemein interessant, weil er, gleichsam aus sich selbst erwachend, sich immer an anderer Stelle findet, als er eigentlich wollte. Vielleicht war gerade dies Ihre innere (und dann unendlich sublim geführte) Absicht, hier einer persönlichen Primitivität, deren |Pedanterie Sie doch so nachdrücklich betonen, das Unerwartete und Ungemässe als Conflict und Contrast zu geben. Wirklich es ist ein Weg von Überraschung in Überraschung, dieses Buch!
Freilich, wie es zu Ende ist, halte auch ich inne! Der Kreisel fällt kraftlos zu Boden, wie ihm die Schnelle des Wirbels fehlt und den Doktor Gräsler fasse und fühle ich nicht mehr ganz auf den letzten Blättern. Sein Entschluss, ist es Resignation, Schwäche, Unsicherheit – sein Leben, ist es zuende, oder vielmehr, beginnt nicht hier das eigentlich Tragische seiner Existenz? Ich bin aufrichtig genug gegen Sie – oder vielleicht gegen mich (denn gegen den nicht genug Gestaltenden oder gegen den nicht genug Verstehenden wendet sich dieser Einspruch) um zu sagen, dass ich den Abschluss nicht als Abschluss, nicht als restlose Auflösung empfinde. Die Gestalten des Buches sind mit seltener Meisterschaft, eine nach der andern, in ihrer irdischen und seelischen Form abgeschlossen, |er selbst der Tragende, der Mittelpunkt, ist mir noch in der Schwebe des Schicksals. Vielleicht fehlt mir hier eine Einsicht, aber da ich Ihnen in aller Verehrung doch als Aufrichtiger gegenüber stehe, muss ich bekennen, dass mein angereizter Hunger des Miterlebens sich nicht gesättigt empfindet und ich habe mir über den Rand des Buches nachträumend in verschiedensten Formen diese Existenz weitergedichtet. Aber vielleicht ist dies ja das Beste an einem Buche, wenn es nicht nur das passive Geniessen befriedigt, sondern noch eine geheimnisvolle Gährung des Gefühls zurücklässt, die selber noch einmal die Gestalten umwühlt und verwandelt.
Nochmals, aus ganzem Herzen meinen Dank! In den nächsten Tagen sage ich ihn auch durch das gestaltete Wort, durch mein neues Buch. In diesen drei Jahren erniedrigenden, urlaublosen, täglichen Dienstes habe ich mit Anspannung aller Kräfte endlich dieses |Werk vollendet, das mein enziger Trost, meine innere Sicherheit gegen den Widersinn der Zeit war. Bewusst habe ich die Gesetze des realen Theaters missachtet und wie Sie es im Medardus taten, die Grenze von Raum und Zeit weit überschritten. Selbstverständlich kann es, schon aus Censurgründen, kein Theater während der Kriegszeit spielen, aber ich habe schon Annahmen und Zusicherungen für später und das Bewusstsein, nicht ganz vergebens dreier Jahre gepresste freie Stunden unter Aufgabe aller Geselligkeit, aller Freundschaft, aller Freude an dieses Werk gewandt zu haben. Jetzt freilich schlägt mir die Müdigkeit schwer in den Nacken: ich frage mich warum es mir als Einzigen versagt ist (nehme ich Werfel aus) einmal einen Monat frei und sich selbst gehörig leben zu dürfen und nicht täglich, nun fast 1000 Tage schon, in ein so stumpfsinniges Joch gezwängt zu sein. Aber ich klage nicht mehr: das Stück selbst ist ja meine verwandelte und erhobe|ne Klage und Anklage wider die Zeit.
In wenigen Tagen ist es in Ihren Händen und wenn ein oder das Andere daraus ihrem Herzen nah wird, empfinde ich viel als verklärt und entschuldigt. Ich grüsse Sie und Ihre verehrte Frau Gemahlin in alter Treue und Verehrung! Ihr
Stefan Zweig
    Bildrechte © University Library, Cambridge