|Verehrtester Freund,
nehmen Sie meine herzlichsten Neujahrsgrüße entgegen! Ich sende Ihnen dieselben mit
besondrer Freude, denn wenn ich so die Ergebnisse des
heurigen Jahres überschaue, so finde ich, dass jener Brief, mit welchem Sie sich als
einen so liebenswürdigen Betrachter des Märchen zu erkennen gaben, und zugleich manche Misverständnisse unsrer
bisherigen |Beziehungen lösten, zu den wärmsten und
wohltuendsten Erlebnissen meines 92er Jahres
gehören. Ich stehe in meiner eignen Anerkennung noch
nicht fest genug, um eine Liebenswürdigkeit wie die Ihre nicht besonders stark zu
empfinden. Es wundert mich umsomehr, dass Sie mir noch bis zu einem gewissen Grad zu
mistrauen scheinen. Die Gründe, mit welchen Sie mein Ersuchen um einige Ihrer
Arbeiten ablehnen, |veranlaßten mich zu dieser Bemerkung. Sie, mein
lieber und verehrter Freund, stehen auf meine »reciproke«
Anerkennung gewiss nicht an, und ich meinerseits
glaube vor dem Verdacht sicher zu sein, aus dem Bedürfnis Revanchefreundlichkeiten auszutheilen mich für Ihre Manuscripte zu
interessieren. Dass Sie manches Dramatische geschrieben haben, das Sie auch jetzt für
gut halten, geht aus einem |Ihrer Briefe mit Sicherheit hervor,
und wenn Sie vor zehn oder zwölf Jahren nicht
bezweifelt haben, dass ich mich für Ihre Stücke interessire, so liegt heute wohl auch
kein Grund dafür vor. Es wäre doch ganz schön, wenn aus der Formel, welche wir beide
über den Anfang unsrer Briefe setzen, auch ein Inhalt flöße. Einigen wir uns dahin,
dass wir durchaus keinen Grund haben, in Phrasen |miteinander zu correspondiren, und
dass jeder Satz, welcher einer dem andern schreibt diesen verbindlich macht, jenem
Satze zu glauben. Das ist natürlich keine Erpressung, als wenn Sie mir nun unbedingt
was schicken müssten; aber ein Ersuchen ist es, in meinen Worten an Sie mehr als
Höflichkeit sehen zu wollen. Ich war ja so frei, auch die Ihren als etwas
besseres zu nehmen. – Und nun leben |Sie wohl und seien Sie meiner aufrichtigen und
wärmsten Hochschätzung versichert.
Ihr
ArthSchnitzler
30/12 92
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