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Überlieferung

Versand  Empfang
Versand: 18. 11. 1894
Goldmann, Paul
Paris
Empfang: [19. 11. 1894 – 23. 11. 1894?]
Schnitzler, Arthur
Wien
Textzeuge 1
Signatur D, Marbach am Neckar, Deutsches Literaturarchiv, A:Schnitzler, HS.NZ85.1.3164
Typ Brief
Beschreibung 2 Blätter, 8 Seiten, 4.452 Zeichen
Handschrift schwarze Tinte, deutsche Kurrentschrift
Zufügungen
Schnitzler 1) mit Bleistift auf dem ersten Blatt die Jahreszahl »94« vermerkt
2) mit rotem Buntstift sieben Unterstreichungen

Textqualität

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Zitieren

Empfohlene Zitierweise
Paul Goldmann an Arthur Schnitzler, 18. 11. 1894. In: Arthur Schnitzler: Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren. Digitale Edition. Herausgegeben von Martin Anton Müller mit Gerd Hermann Susen, Laura Untner und Selma Jahnke, https://schnitzler-briefe.acdh.oeaw.ac.at/L02620.html (Abfrage 18. 6. 2026)
Kurz-Identifier

Für gekürzte Zitate reicht die Angabe der Briefnummer aus, die eindeutig und persistent ist: »L02620«.

Wikipedia-Vorlage
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Quelldaten

Die Quelldaten (TEI-XML) dieser Edition sind über Zenodo dauerhaft archiviert und zitierbar: DOI 10.5281/zenodo.20309129

Chronik

Sonntag, 18. 11. 1894

Aufenthaltsorte
Tagebuch
Wiener Schnitzler
Weiteres

Paul Goldmann an Arthur Schnitzler, 18. 11. 1894

Fondateur M. L. Sonnemann.
Journal politique, financier, Paris, 18. November.
commercial et littéraire.
Paraissant trois fois par jour.
Bureaux à Paris:

Mein lieber Freund,

Ich will Dir täglich schreiben und bringe die Energie dafür nicht zusammen. Nicht einmal dafür! Ich bin in einem schlimmen Gemüthszustande. Ich suche nach einem Lebensziel und finde es nicht – suche mich selbst zu beschränken, zu erkennen, zu ordnen und kann es nicht – und nach kurzen Anläufen falle ich in Zeitvergeudung, Außenleben und Wirrniß zurück. Dabei werde ich alle paar Tage daran erinnert, daß ich dreißig Jahre bin, nichts geleistet habe, zurückbleibe hinter allen Andern. Es ist ein zerstörendes Gefühl, und doch finde ich die |Kraft nicht zum Arbeiten. Die Zeit hätte ich jetzt, – also es gibt keine Entschuldigung mehr. Das hindert mich an Allem, selbst am Briefeschreiben. Du begreifst mich gewiß.
Ich raffe mich heut ein wenig zusammen; denn ich möchte gar so gern hören, wie es mit Deinem Stücke weitergeht. Was Du mir über Deine erste Unterredung mit B. geschrieben, erscheint mir ganz und gar nicht ungünstig. Daß es nicht so glatt gehen würde, war selbstverständlich. Dabei geht es doch noch relativ glatt. Wenn man in einem Theater den Director für sich hat, so ist das, denke ich, Chance genug. Das |Übrige ist Zopf und chinoiserie. Dafür sind wir ja im guten Lande Österreich. Wüßtest Du nur, was hier die jungen Leute dulden müssen, ehe sie aufgeführt werden. An die Comédie Française kommt überhaupt keiner heran, wenn ihn nicht ein Akademiker oder ein großer Komödiant protegirt, und der alte Henri Becque selbst hat seinerzeit die Aufführung von »La Parisienne« durch ein Machtwort des Ministers erzwingen müssen. Es gibt keinen Erfolg, zu dem man nicht über Hintertreppen steigen müßte, besonders beim Theater. Thut mir nur leid, daß ich nicht gerade jetzt um Dich bin, um |mit Dir über all’ die Trottelhaftigkeiten zu lachen, die Dir voraussichtlich werden gesagt oder angethan werden, und vielleicht auch um Dir ein paar unangenehme Wege zu ersparen. Übrigens nimmst Du es ja selbst ironisch, und das ist das Beste. Bitte, schreib’ mir nur rasch, wieweit die Sache ist. Und möchtest Du es nicht doch zugleich in Berlin einreichen?
Gestern habe ich die Fortsetzung von »Sterben« gelesen. Es ist dumm, daß man es mit Zwischenräumen von einem Monat lesen muß. Ich bin mir über den Eindruck infolgedessen jetzt weniger |klar, als am Anfang. Ich weiß nur, daß ich im Einzelnen Entzückendes und Großes finde. Auch ist der Styl köstlich in seiner Einfachheit, mit all’ den Tiefen darunter. Hier und da ist es mir aber doch zu einfach. Zum Beispiel: Salzburg, ich meine das Landschaftliche und Äußerliche, ist meiner Empfindung nach um eine Nuance zu blaß gerathen. Alles in Allem ein reifes und ernstes Werk. Aber, wie gesagt, ich muß es als Buch im Zusammenhange lesen. Mir ahnt nur, daß ich es schön finden werde, |aber ich habe noch kein klares Bewußtsein davon. Diese verfluchten Fortsetzungen! Eine kleine Äußerlichkeit: bei der Buchausgabe streiche auf Seite 1077 in der 20ten Zeile von unten hinter »Einwohner« die Worte »der Stadt« weg; es ist zu viel »Stadt« in dem Absatz.
Wann kriege, ich nun wohl das Stück zu lesen?
Mein Onkel hat mich vor vier Wochen nach Deiner Adresse gefragt, um Dir Bücher zu schicken. Da ich aber wieder einmal mit ihm grolle, habe ich nicht geantwortet. Hättest Du nicht irgend einen Vorwand ihm zu schreiben , damit er zugleich |Deine Adresse erführe?
Die »Zeit« gefällt mir ganz ausnehmend. Das ist ein Blatt, durchaus nach meinem Sinn. Kanner übertrifft sich selbst, Bahr ist vorzüglich als Theaterkritiker – ich meine die Art, wie er schreibt. Seine Kritik über die Schrattseine Polemik mit Mueller-Guttenbrunn und dessen Regisseur haben mich sehr ergötzt. Aber wenn er über Kunst pontificirt, ist er mir unerträglich. Der Artikel über Dekadenz im vorletzten Heft ist vorzüglich gemacht, strotzt aber von falschen Angaben und Urtheilen. Die Stefan George, Hermann Bang etc., die er citirt, kenne ich als Faiseurs | ohne jede tiefere Begabung. Wie gefällt Dir das Blatt? Und wie gehts damit? Wird es sich halten?
Fräulein Sandrock hat mir einen langen, schönen und lieben Brief geschrieben. Bitte sag’ ihr einstweilen, wie sehr ich mich darüber gefreut habe, und daß ich nur nach einer Stimmung suche, um nach Gebühr zu antworten. Ich will ihr nicht aus dem erstbesten Wochentage heraus schreiben.
Und bitte, schreib’ mir bald und viel – von Dir, von sonst Allem, von Wien und wieder von Dir. Was schreibst und liest Du? Was soll mit den 30 fr. 30 ct geschehen, die Du bei mit gut hast? Viele treue Grüße! Dein
Paul Goldmann
    Bildrechte © Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar