|Berlin, 14. Oktober.
Mein lieber Freund,
Heut am Sonntag habe
ich endlich ein paar Minuten frei zu einem Briefe an Dich.
Die »Fackel«. Was willst Du von dem
Lausbuben? Offen gestanden, ich hätte noch Schlimmeres erwartet. Im Übrigen hat
Burckhardt in der »Zeit« das wahre Wort
geschrieben: die Leute
rächen sich jetzt an Dir, weil sie Dir haben applaudiren müssen. Auf das Gesindel im
Allgemeinen war niemals zu rechnen. Ob die Aktion sonst
wirkungslos geblieben, wird sich zeigen. Welche Wirkung hätte |denn auch kommen sollen? Die Hauptsache war, daß der
Herr Schlenther eine Antwort auf sein
unerhörtes Benehmen bekam. Und den schlechten Ruf, den er ohnedies hat, hat diese
Affaire nur noch vergrößert. Er hat’s gespürt und wird’s noch weiter spüren. Diese
Affaire, mag man sagen, was man will, ist ein Grund mehr für seinen Weggang vom Burgtheater. Selbst hier, wo man ihn für einen Gott hält, hat sie
ihm geschadet. . . . .
Dein »Ohrenleiden«. Darauf weiß
ich nur eine Antwort: Heirathen. Ich schwöre Dir:
wenn Du Frau |und Kinder haben wirst, wirst Du Dich
weniger mit Deinem Ohre beschäftigen; und wenn Du Dich weniger damit beschäftigen
wirst, wirst Du weniger darunter leiden.
Kerr sehe ich sehr selten. Wenn wir uns sehen, sprechen wir sehr freundschaftlich
miteinander. Er steckt tief in seinem Liebeswonnen und strebt
der Erfüllung seiner Wünsche zu, was mit großen |Kämpfen verbunden scheint. Aber er wird es schon durchsetzen. Er und das Mädel scheinen sich sehr zu lieben, und das ist die
Hauptsache.
Ich bin mit dem Hause M.-C. vollkommen auseinander. Diese ganze Geschichte hat für mich mit einem großen
Ekel geendet, – einem Ekel namentlich vor der »Gesellschaft«, vor diesen Leuten, die
Einen nicht verstehen und die Einen zur Tafel ziehen als Hanswurst. Aber wehe, wenn
man versuchen will, auch einmal sein Leben zu leben! |Im Übrigen hat die Kleine
ja ganz recht gehabt, und ich bin fett und grotesk und nicht fähig, Liebe einzuflößen. Ich habe mich in
die Arbeit gestürzt, um das Alles zu vergessen.
Brandes ist hier und erzählt mir
viel von seinen Liebesabenteuern. Dieser Tage
kommt auch seine Tochter.
Nach Breslau zur Aufführung der »Beatrice« möchte ich unendlich gern fahren. Ich habe das hier mit meinem
Collegen Fuchs besprochen, und |er sagte mir: »Ja, fahren Sie
nur! Aber den Direktor Löwe dürfen Sie nicht tadeln; er ist bei uns persona gratissima.« Also, ich setze den Fall, die Aufführung könnte den
Aufgaben des Stückes nicht
gerecht werden (was ich befürchte), so werde ich das nicht sagen dürfen, oder man
wird es mir streichen. Unter diesen Umständen ist es wirklich besser, nicht
hinzugehen und die Berichterstattung dem Direktor Löwe zu überlassen, der selbst an die N. Fr. Pr. |zu telegraphiren pflegt und unter allen Umständen
das Beste sagen wird.
Grüße mir die strebsamen Fräulein aus der Rothen-Stern-Gasse und theile
mir deren genaue Adresse mit (Name und Hausnummer), damit ich ihnen mein Buch schicken kann.
Die Glümerinnen sind wieder beieinander, und Frl. Mizzi hat neulich |einen sehr schönen und sehr verdienten Erfolg gehabt bei Publikum und Kritik. Auch sie sehe ich selten, und ich lebe,
eingesponnen in Arbeit, ein ödes und nutzloses Leben.
Was macht Richard? Keine Möglichkeit, von ihm eine Antwort zu bekommen.
Schreib’ mir bald und sei von Herzen
gegrüßt!
Dein
Paul Goldmnn
Dein
Paul Goldmnn
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