den 8. October 1900
Verehrter, lieber Herr Doctor!
Da ist also endlich
das
Buch, das,
wie Sie wissen, eigentlich Ihnen
zugeeignet
ist. Die Widmung drucken zu lassen, wäre aber
geschmacklos gewesen und ich weiß zu genau, wie Sie
darüber denken
. –
Sie werden natürlich lauter alte Bekannte unter den Arbeiten finden, die schon früher
Ihrer Kritik überantwortet waren, und die Sie meist zur ganzen oder
theilweisen Umarbeitung verurtheilt haben.
Seien Sie nicht böse, dass ich Ihnen darin nicht immer Folge geleistet habe. Nur zum
kleinsten Theil geschah es aus principiellen Grün
|den,
dass ich die einmal vorliegende Fassung der Arbeit gegen Ihre Kritik aufrechterhielt.
(Siehe »
Warten,
Warum«) Zum größten Theil war es die mir leider anhaftende Eigenschaft, mich
mit einem Stoff, dessen Ausgestaltung – ob gut oder schlecht – fertig vor mir liegt,
nicht nochmals befassen zu können. Es ist keine Leichtfertigkeit – glauben Sie das
ja
nicht – und auch nicht Mangel an Selbstkritik, denn meistens sagt mir mein
künstlerisches Gewissen dasselbe, was Ihre Kritik – nur in verschärfter Tonart –
bemängelt. Aber ich entwickele mich so rapid, (leider? oder
G. s. D.
?) dass ich in Schnellzugsgeschwindigkeit die Stationen durcheile und
wenn man von mir verlangt, nach einer überholten Haltestelle zurückzukehren, so finde
ich weder Stimmung noch Gedanken der Arbeit
|rein und
unbeeinträchtigt wieder. Es käme einfach
gar nichts
heraus! –
Ich weiß, Sie werden wieder schimpfen. Aber Sie glauben gar nicht, wie dankbar ich
Ihnen dafür bin und dürfen nicht in die falsche Meinung verfallen, dass Ihre Kritik
an meinen Arbeiten resultatlos sei. O nein!!! Was Sie
mir über eine Arbeit sagen, trägt an der nächstfolgenden Früchte. So erziehen Sie
mich seit fünf Jahren – wahrscheinlich ohne es selbst zu wissen. – –
Ich will damit nicht sagen, dass ich mich nicht manchmal gegen Ihre Meinung auflehne
– besonders auf dramatisch-technischem Gebiet –. Aber wäre mein Talent Ihrer Kritik
wert, |wenn es sich so rückhaltlos einer anderen
künstlerischen Individualität unterordnen könnte?
Ich hoffe, Sie werden über diese literarische Liebeserklärung nicht lachen und nur
freundlichst Nachricht geben, welchen Eindruck das
Buch in seiner Gesammtheit auf Sie gemacht hat. Ich bin
sehr gespannt darauf.
Verehrungsvolle u herzliche Grüße von
Elsa Plessner.